Bali lässt einen nicht einfach so gehen. Es schickt einem noch eine Statue, die sprachlos macht. Kinder, die plötzlich jeden Abend Göttergeschichten hören wollen. Und als Abschiedsgeschenk einen alten Apfel in einem Singapurer Fünfsternehotel. Aber der Reihe nach.

Jimbaran stand, als letzter Stopp vor dem Flug ab Denpasar, auf unserer Liste. Dass von dort aus auch die Garuda-Wisnu-Kencana-Statue gut erreichbar ist, die wir die ganze Zeit schon von Sanur aus gesehen hatten, war ein schöner Zufall.
Schokolade löst alles
Unser neuestes Hotel empfängt uns herzlich: Die Empfangshalle ist offen, die Begrüssung nett, und dann sagt jemand die zwei Wörter, die bei meinen Kindern jede Streiterei augenblicklich beenden: Chocolate Hour. Schokobrunnen, Früchte, Crêpes, Kuchen und frisches Popcorn. Alles gleichzeitig und alles frei zugänglich, keinerlei elterliche Kontrolle mehr möglich. Ich halte mich selbstverständlich auch nicht zurück. Das ist nach einem Transfer mit den kleinen Monstern absolut gerechtfertigt.

Das Resort selbst ist familiär konzipiert, man merkt, dass sich da jemand wirklich Gedanken gemacht hat, und man merkt gleichzeitig, dass das Konzept von Europäern stammt und die Umsetzung manchmal etwas holprig wirkt.
Die Hotelanlage besteht aus einem riesigen Pool mit einem künstlichen Sandstrand mitten im Wasser, also Sand, im Pool, zum Sändele. Die Kinder finden das fantastisch. Mich beschäftigt aber eher das Gefühl, dass hier die Natur zuerst weggeräumt und dann in Form von gepflegten Büschen und dekorativem Grün wieder hineingebaut wurde. Ganz anders als in Ubud, wo Resort und Natur einfach nebeneinander existierten und beides seinen Platz hatte. Hier fühlt es sich ein bisschen wie eine Kulisse an. Schöne Kulisse, aber trotzdem eine.
Und für alles, aber wirklich alles, zahlt man extra, Sonnenliegen, die vernünftigen Menüs auf der Speisekarte und mehr. Das hinterlegte Guthaben ist erstaunlich schnell aufgebraucht und wir müssen es in den darauffolgenden Tagen mehrfach aufladen, aber wir wollen uns ja nicht den Bali-Abschluss verderben.

121 Meter Gänsehaut
Aber zurück zur Statue: Von Sanur aus haben wir sie die ganze Zeit gesehen, immer irgendwo über den Palmen, gross genug, dass man sich fragt, warum man nicht schon längst hingefahren ist. In Jimbaran sind wir jetzt glücklicherweise nah dran.
Die Garuda-Wisnu-Kencana-Statue ist die drittgrösste der Welt: 121 Meter hoch, aus Kupfer und Messing, fertiggestellt 2018 nach über zwanzig Jahren Bauzeit. Sie zeigt Wisnu, den hinduistischen Gott des Lebens und Erhalter des Universums, hoch oben auf Garuda, seinem göttlichen Adler. Garuda hat dabei eine eigene Geschichte: Er war einst versklavt, kämpfte sich in die Freiheit und wurde später zum treuesten Verbündeten Wisnus, weshalb die beiden zusammen für Schutz, Stärke und das Gleichgewicht zwischen Himmel und Erde stehen. In Bali begegnet man den beiden überall, auf Tempeltoren, auf Altarfiguren, auf Holzschnitzereien in jedem zweiten Souvenirladen, aber so nah wie hier, mit weit in den Nacken gelegtem Kopf, ist das dann nochmal etwas anderes.
Wir stehen darunter und sind alle still. Das passiert nicht oft. Die Kinder finden es so cool, dass ich ab sofort jeden Abend Garuda-Wisnu-Geschichten vorlesen darf, und mit «darf» meine ich natürlich «muss». Ich improvisiere meistens irgendwo zwischen Mythologie und dem, was die Kids gerade beschäftigt. Garuda hat in unserer Version mittlerweile eine jüngere Schwester und Wisnu trägt manchmal eine Sonnenbrille. Ich hoffe, die guten Geister verzeihen es mir.

Singapur, wir müssen reden
Dann heisst es Koffer packen, Bali tschüss sagen. Wir fliegen ein letztes Mal nach Singapur.
Beim ersten Besuch, am Anfang der Reise, fanden wir Singapur faszinierend, die Effizienz, die Hochhäuser, die Gardens by the Bay, all das. Jetzt, nach Wochen mit Reisfeldern und Tempelblüten und diesem entspannten Bali-Tempo, trifft uns die Grossstadt wie ein nasser Waschlappen ins Gesicht. Die Malls, die Hotellobby-Ästhetik, das ewige Klimatisieren, das Gekünstelte von allem, es gefällt mir einfach nicht mehr. Vielleicht ist das auch einfach unfair, aber nach Bali kann mich das alles nicht mehr so recht begeistern.

Fünf Sterne, ein alter Apfel, null Sterne
Das Hotel in Singapur gibt uns dann vollends den Rest. Es nennt sich Fünfsterne- und Familienhotel, und ich weiss nicht, welche der beiden Aussagen weiter von der Realität entfernt ist. Housekeeping vergisst unser Zimmer gleich zweimal. Die Lüftung ist kaputt, alles ist feucht und auf den Bildern an den Wänden ist Schimmel. Und dann, mitten in der Nacht, geht der Feueralarm los. Wir sitzen im Bett, schauen uns an, warten. Irgendwann hört er einfach wieder auf. Kein Klopfen, keine Information, kein Zettel unter der Tür, nichts. Am nächsten Tag liegt auf unserem Zimmer ein Traubenzweig, der seine besten Tage hinter sich hatte, und ein alter Apfel als Entschuldigung. Ehrlich gesagt wäre gar keine Entschuldigung die elegantere Lösung gewesen.

Mit Sapu Lidi und Garuda nach Hause
Ich nehme mir fest vor, einen Teil von Bali mitzunehmen, nicht als Instagram-Vorsatz, sondern wirklich. Die Garuda-Geschichten für den Abend, die wir sicher noch wochenlang weitererzählen werden. Und den Sapu Lidi, den traditionellen Palmrippenbesen, den mein Mann in letzter Sekunde organisiert hat. Mit einem Besen aus Bali den Vorplatz zu kehren, fühlt sich erstaunlich richtig an und ist bestimmt gut für die Karma-Bilanz.
Wir freuen uns darauf, nach Hause zu kommen. Auf die eigenen Betten, auf Leitungswasser, das man trinken kann, und auf Dinge, die einfach funktionieren, ohne dass man für alles extra bezahlt. Und auf das, was noch kommt. Denn ganz fertig ist die Reise noch nicht: Wir dürfen nämlich noch einmal aufs Schiff. Aber das ist eine andere Geschichte.


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