Punkt 9:30 Uhr lacht das ganze Schiff. Nicht weil ein Comedian aufgetreten wäre, sondern weil sich Käptn Toad von der Brücke meldet. Mit einem texanischen Akzent, der auf einem Kreuzfahrtschiff durch die Ostsee überhaupt keinen Sinn ergibt. Trotzdem hören wir jeden Morgen gespannt zu, wenn er uns die Reiseroute durchgibt, und ich bin überzeugt, dass dieser Mann allein für die gute Laune an Bord verantwortlich ist. Käptn Toad, falls du das hier je liest: «Y’all got yourself a fan for life!»

Wir sind also unterwegs Richtung Norden, und bevor ich euch mitnehme, noch ein Tipp für alle, die auch mal auf eine Kreuzfahrt gehen: Kümmert euch selber um die Anreise. Überlasst das nicht dem Reiseveranstalter, denn der nimmt gerne die günstigsten Flüge, und die sind bekanntlich genau dann, wenn kein Mensch freiwillig wach sein möchte.

 

Von 36 Grad direkt in die H&M-Umkleide

Nach vier Tagen Schwitzen bei 36 Grad sind wir mit der kompletten Sommergarderobe gestartet, kurze Hosen, Flipflops und voller Zuversicht, dass es schon reichen wird. Der Norden hat davon leider nichts mitbekommen. Resultat? Vier Städte später standen wir viermal bei H&M, weil wir uns Schritt für Schritt in den Norden einkaufen mussten. Ich habe mittlerweile in gefühlt jeder baltischen Hauptstadt eine Umkleidekabine von innen gesehen, das gehörte praktisch zur Stadtführung dazu.

Lustigerweise war das Anpassen in Asien nie ein Problem gewesen. Null Jetlag, die Kinder machten jede Zeitzone problemlos mit. Dann durften sie für einen einzigen Schweiz-Match bis spät aufbleiben und plötzlich hatten wir einen waschechten Sieben-Tage-Jetlag. Danke, Nati.

 

Danzig, Tallinn und ein bisschen Sowjetunion

In Danzig gab es, wie eigentlich in fast jeder Stadt, ein Riesenrad und wir haben uns die Stadt von oben angeschaut. Ich glaube langsam, die Städte dieser Welt haben sich abgesprochen: Ohne Riesenrad hast du keine Touristen verdient.

Auch in Tallinn schien die Sonne, wir waren auf Spielplätzen unterwegs und in einem kleinen Vergnügungspark, der noch ganz eigene Sowjetunion-Vibes versprüht. Schwer zu erklären, aber wer selber schon in so einem Park stand, weiss genau, was ich meine.

Helsinki konnte uns dagegen nicht überzeugen. Vielleicht lag es daran, dass es bereits die dritte Stadt in Folge war und wir langsam merkten, wie anstrengend tägliche Landgänge werden können. Und damit gleich noch ein Tipp an alle Kreuzfahrtgesellschaften dieser Welt: Baut zwischen jedem Landtag einen Seetag ein. Sonst hetzt man nur noch von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit und kann am Ende gar nichts mehr wirklich geniessen.

 

Kein Einlass für uns, Stockholm

Wegen starkem Wind konnten wir Stockholm dann gar nicht erst anfahren. Der Weg dorthin führt durch einen schmalen Schärengarten und bei diesem Wind wollte sich Käptn Toad da lieber nicht durchmanövrieren, was ich ihm nachfühlen kann. Also liess Käptn Toad Stockholm kurzerhand links liegen.

Stattdessen steuerten wir Riga an, was uns wieder sehr gut gefallen hat. Manchmal ist ein Plan B einfach der bessere Plan A.

 

Tivoli und Regen «was abe mag»

Und last but not least Dänemark. Dort wollten wir die Kids mit dem Tivoli überraschen, diesem Vergnügungspark mit unzähligen Restaurants, einem wunderschönen Garten und Karussells. Zum Glück waren wir früh dort, denn gegen Abend fing es an zu regnen, «was abe mag», wie man bei uns in der Schweiz so schön sagt.

Ich stelle mir jedenfalls vor, wie Käptn Toad diesen Tag am nächsten Morgen um 9:30 Uhr zusammengefasst hätte, auf Deutsch aber mit breitem Texas-Akzent: «Nun, Leute, gestern in Kopenhagen gab’s Achterbahnen, Zuckerwatte, und dann hat der Himmel einfach aufgemacht. That’s Dänemark für euch, y’all.» Und das ganze Schiff hätte gelacht.

 

Zuhause ist, wo ein Wasserschaden ist

Meine Eltern haben uns bei der Ankunft so feierlich empfangen, mit Ballonen und allem, dass es meiner Mittleren fast ein bisschen zu viel wurde. Sie stand einen Moment lang leicht überfordert da und wusste nicht so recht, wohin sie schauen sollte. Die Kleinste hatte dagegen eine sehr klare Meinung. Allerdings nicht zum Empfang, sondern zu ihrem Autositz. Nach drei Monaten unterwegs schien der ihr komplett fremd geworden zu sein.

Vertraut waren dagegen die Spielsachen. Innert Minuten lagen sie wieder im ganzen Haus verteilt, als wären wir nie weg gewesen. Ich war ehrlich gesagt sehr traurig, dass wir ab sofort wieder selber aufräumen müssen.

Das Auspacken ging überraschend schnell. Vermutlich auch deshalb, weil uns im Haus erneut gefühlte 36 Grad empfingen und wir möglichst rasch unsere neue Klimaanlage ausprobieren wollten. Witzig eigentlich: Über Heizungen diskutiert in der Schweiz kaum jemand. Sobald aber das Wort Klimaanlage fällt, ziehen manche sofort die Augenbrauen hoch. Nach drei Monaten in Asien sehen wir das inzwischen ziemlich entspannt.

Dann fiel uns dieser seltsame Geruch im Gäste-WC auf. Zuerst verdächtigte ich alles Mögliche. Im Ernst, ich habe tatsächlich an der WC-Bürste geschnuppert. Erst danach kam ich auf die glorreiche Idee, auch mal nach oben zu schauen. Der wahre Übeltäter steckte nämlich in der Decke: Während unserer Abwesenheit hatte ein Sturm offenbar einen Teil unseres Dachs beschädigt. Die Wasserblasen an der Decke liessen jedenfalls wenig Interpretationsspielraum. Zum Glück war der Schaden am Ende kleiner als befürchtet. Weniger erfreulich war nur, dass Gebäudeversicherung und Handwerker sich für ihre erste Rückmeldung gemütliche zehn Tage Zeit liessen.

Generell hatte unser Haus ein paar eigenwillige Überraschungen für uns vorbereitet. Ich bin inzwischen überzeugt, dass es uns einfach vermisst hat. Ein Haus wie unseres braucht offenbar Leben. Bleibt es zu lange allein, fängt es an, sich selbst etwas anzutun.

Und so sind wir wieder zuhause. Mit tausenden Erinnerungen im Gepäck, einem etwas kritischeren Blick auf den Alltag und viel Vorfreude auf alles, was jetzt wieder dazugehört: Kindergarten, Spielgruppe, Nanny, Freunde und Familie.

Und trotzdem gibt es da diesen einen Gedanken, bei dem wir uns alle einig sind: Hätten wir morgen nochmals genug Geld, wären wir übermorgen wieder unterwegs.

Vielleicht wieder mit Käptn Toad. Punkt 9:30 Uhr.

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