Ich schaue meinen Mann an. Er schaut mich an. Und dann lachen wir beide so laut und heftig, dass uns die Tränen kommen. Der Grund: Kapitän Vlad hat soeben über die Bordlautsprecher verkündet, dass um 14:00 Uhr ein Vortrag über die Ursachen von Rücken-, Knie- und Hüftschmerzen stattfindet. Herzliche Einladung an alle.
Willkommen auf unserem Kreuzfahrtschiff.

Wir ziehen den Altersdurchschnitt hier so zuverlässig runter wie ein Anker. Als Mixed-Race-Family-of-5 fallen wir sowieso auf, aber nicht negativ, wirklich nicht. Wir ernten Komplimente am laufenden Band: wie toll wir das machen, wie bewundernswert das alles sei, wie grossartig unsere Mädchen sind. Es ist schön. Und auch ein bisschen surreal. Denn wir befinden uns gerade in einer kompletten Bubble: Alle sprechen Hochdeutsch, die Unterhaltungen drehen sich um Hüftschmerzen und Landausflüge, und ich bin ziemlich sicher, dass das Durchschnittsalter an Bord irgendwo bei «hat die Beatles noch live gesehen» liegt. Rentner-Deutschland im Pazifik, sozusagen.
Aber wisst ihr was? Es gefällt uns hier sehr gut.

Ferien von den Ferien
Mein Mann bringt es auf den Punkt: Das hier ist Ferien von den Ferien. Man kann rund um die Uhr essen und trinken, und zwar gut. Das Gerücht, dass man auf Kreuzfahrten zunimmt, kann ich hiermit offiziell bestätigen.
Neben dem Essen gibt es Kids-Club, Vorträge (siehe oben), eine Shopping-Meile, Bars, einen Pool und einen grossen Sportplatz, auf dem die Kinder Ball spielen, bis sie umfallen. Es wird schlicht nicht langweilig. Und nach unserem letzten Horror-Hotel ist unsere Kabine am Bug eine regelrechte Wohltat: gross, durchdacht, mit mehr Stauraum, als ich erwartet hatte. Das Highlight für die Kinder? Sie schlafen zum ersten Mal in ihren eigenen Betten. Wir planen bereits das Hochbett für zu Hause.

Der Tagesrhythmus wechselt zwischen Seetagen an Bord und Landtagen an verschiedenen Destinationen. Wir waren in der Ha Long Bay und in Da Nang, haben die berühmten Kalkfelsen bestaunt und einen herrlichen Strandtag am My Khe Beach verbracht. Traumhaft. Aber wer bei einer Kreuzfahrt echtes Eintauchen in die lokale Kultur erwartet, wird enttäuscht. Man ist Tourist, wird als Tourist erkannt und darf als Tourist auch entsprechend mehr bezahlen. Das akzeptiert man erstaunlich schnell, weil man schlicht keine andere Wahl hat.
Was «Mein Schiff» gut kann und was nicht
Apropos keine Wahl haben: Als wir in Hongkong an Bord gingen, wurden uns unsere Pässe mit einer Selbstverständlichkeit abgenommen, die mich kurz schlucken liess. Das Bordpersonal erklärte, dass alle Einreisestempel zentral vom Security-Personal erledigt werden. Klingt praktisch, fühlt sich seltsam an, und eine Quittung haben wir keine bekommen. Wir wissen also nicht, wer unsere Pässe hat, wo sie gerade sind und was genau damit passiert. Ich finde das nach wie vor bedenklich. Liebes «Mein Schiff»-Team: Bitte stellt Quittungen aus und informiert eure Gäste im Voraus darüber. Danke.
Was hingegen wirklich clever ist: Die App von «Mein Schiff» funktioniert ohne Internet und enthält sämtliche Informationen, Tagesabläufe und Buchungsmöglichkeiten. Über die App kann man auch Landausflüge buchen, obwohl uns die Preise dafür prompt dazu bewogen haben, einfach direkt am Hafen Guides und Fahrer zu engagieren. Mit etwas Verhandlungsgeschick kommt man da deutlich günstiger weg.

Was man generell wissen sollte: Die Preise auf dem Schiff orientieren sich am deutschen Standard. Ob das fair ist, muss jeder selbst entscheiden. Es hinterlässt aber einen leicht faden Beigeschmack, wenn man weiss, dass das Personal, das einen den ganzen Tag mit einem Lächeln bedient, mit Sicherheit nicht nach demselben Standard entlohnt wird.
Unser Guilty Pleasure
Und ja, ob uns nicht langweilig wird auf dem Schiff? Diese Frage kommt erstaunlich oft. Die Antwort ist ein klares Nein, und ich sage das nicht aus Pflichtgefühl gegenüber dem Kapitän. Es gibt jeden Tag etwas Neues zu sehen, die Seetage dazwischen sind entspannend, und das Angebot an Bord ist grösser als gedacht. Ich verstehe Kreuzfahrtfans jetzt sehr, sehr gut.
Und falls ihr euch fragt, wie wir überhaupt auf die Idee mit der Kreuzfahrt gekommen sind: Mein Mann und ich schauen seit Jahren Kreuzfahrt-Dokus. Das ist unser gemeinsames Guilty Pleasure. Wir haben uns also schlicht einen kleinen Traum erfüllt. Und an Tag eins an Bord war mir sofort klar, dass wir das Richtige getan haben, denn ich habe zu meinem Mann gesagt: «Ich fühle mich wie in einer Galileo-Doku.» Für uns war das das grösste Kompliment, das man einer Kreuzfahrt machen kann.
Kreuzfahrt: check.


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