Es ist zwei Uhr nachts. Wir sitzen mit drei übermüdeten Kindern im Taxi und merken irgendwo zwischen Flughafen und Hotel, dass das hier kein entspannter Städtetrip wird. Noch vor fünf Stunden war da Euphorie und Abenteuerlust. Jetzt will eigentlich niemand mehr etwas entdecken, ausser das Bett.

Am nächsten Morgen ziehen wir los. Und merken schnell: Hong Kong ist ein Ort der Gegensätze. Kleine, spartanische Garküchen stehen direkt neben futuristischen Wolkenkratzern. Dazwischen dunkle Hinterhöfe mit alten Klimaanlagen, Stromleitungen und überall Neonlichter. Es fühlt sich an wie ein Cyberpunk‑Film in Echtzeit. I like!

Weniger gefällt mir die Erkenntnis, dass Hong Kong absolut nichts für Kinderwagen ist. Es gibt Stufen ohne Ende, Rolltreppen, permanente Höhenunterschiede und erstaunlich oft keine barrierefreie Option. Wenn die Kinder nicht mehr laufen mögen, wir den grossen Rucksack tragen und das Baby noch in der Trage hängt, wird Sightseeing schnell zum Leistungssport.

Wir fallen auf. Kinder sind hier etwas Besonderes und werden offensichtlich geliebt. Die Menschen sind freundlich, hilfsbereit und lächeln viel. Gleichzeitig ist die Kommunikation schwieriger als erwartet. Viele sprechen kaum oder gar kein Englisch und oft wirkt es, als würde lieber gar nichts getan, als etwas Falsches. Auch dann, wenn man eigentlich helfen möchte.

Wir fragen uns, woran das liegt. Ein möglicher Grund ist die stärkere Orientierung an China. In dieser Kultur spielt es eine grosse Rolle, keine Fehler zu machen und kein Gesicht zu verlieren. Besonders gegenüber Fremden. Zurückhaltung fühlt sich sicherer an als Improvisation. Diese Vorsicht, zusammen mit Sprachbarrieren und neuen Denkweisen, prägt den Alltag spürbar. Hong Kong ist international, aber nicht mehr so unkompliziert, wie man es sich vielleicht vorstellt.

 

Einmal durchatmen, bitte einsteigen

Nach einem Tag ausschliesslich zu Fuss beschliessen wir, es ruhiger anzugehen, und steigen ins Ding Ding Tram. Zweistöckige Strassenbahnen, die gemütlich durch die Stadt fahren. Für die Kinder ein Highlight. Man sitzt ganz oben und schaut dem Chaos von oben zu. Man steigt ein und bezahlt erst beim Aussteigen. Wie dieses System genau funktioniert, weiss ich bis heute nicht. Aber es funktioniert zuverlässig, und das reicht. Natürlich bleibt es mit Kindern ein logistisches Abenteuer. Der Kinderwagen muss zusammengeklappt werden, und man braucht gutes Timing, um drei kleine Kinder während der Fahrt vom oberen Stock nach unten zu manövrieren, während das Tram ruckelt. Aber auch das überleben wir.

Wir lassen uns treiben und steigen beim Riesenrad aus. Die Aussicht ist grossartig. Hafen, Skyline, Stadt in Bewegung. Ganz nebenbei sehen wir sogar schon, wo unser Kreuzfahrtschiff bald ablegen wird.

 

Ein Sonntag unter Brücken

Auf dem Weg dorthin fällt uns etwas anderes auf. Unter Brücken, auf Gehwegen und im Schatten sitzen auffallend viele Frauen. Mit Kartons, Decken, Essen und Gesprächen. Sie wirken weder obdachlos noch wie bei einem Picknick. Es sind ausländische Hausangestellte, die bei ihren Arbeitgebern leben und arbeiten und gesetzlich einen freien Tag pro Woche haben, meist den Sonntag. Weil sie keinen eigenen Wohnraum haben verbringen sie diesen freien Tag draussen. Formal sind sie nicht obdachlos. Praktisch aber für einen Tag schon. Und man fragt sich unweigerlich, was das über eine Gesellschaft sagt, die Menschen ihre Kinder anvertraut, ihnen aber keinen Ort lässt, an dem sie an ihrem einzigen freien Tag einfach sein dürfen.

Dabei ist Hong Kong reich. Einer der wichtigsten Handels‑ und Finanzplätze der Welt. Das spürt man überall. Und man denkt automatisch: Geld wäre da. Für Wohnraum. Für bessere Strukturen. Für mehr Würde im Alltag dieser Frauen. Diese Gedanken begleiten uns noch, während wir weiter durch die Stadt gehen. Und gleichzeitig stolpert man im nächsten Moment über Dinge, die leicht und schön sind. Kleine Patisserien mit erstaunlich feinem Gebäck zum Beispiel. Oder die Erkenntnis, dass uns viel weniger Expats begegnen, als wir erwartet hätten.

 

Zu viel Stadt, zu wenig Magie

Unsere Kinder allerdings bleiben von Hong Kong eher wenig beeindruckt. Zu laut, zu komplex, zu wenig greifbar. Umso grösser ist die Begeisterung für Disneyland. Plötzlich ist alles klar, bunt und verständlich. Märchen, Fantasie, Kitsch pur. Das komplette Gegenteil von Cyberpunk.

 

Luxus bis zur Lobby

Hong Kong, wir kommen wieder. Aber ohne Kinder. Und in ein besseres Hotel. Unser aktuelles ist laut unserer Tochter schon deshalb ungenügend, weil kein WC Bürsteli vorhanden ist. Ein Argument, das man schwer widerlegen kann. Und ehrlich gesagt: Ich bin auch kein Fan. Zwei winzige Zimmer mit einer völlig unnötigen Trennwand, kaum Platz zum Auspacken und alles ständig im Weg. Dafür eine Eingangshalle wie aus einem schlecht designten Disney-Palast. Riesig, prunkvoll, kitschig, dauerhaft benebelt von schwerem Rosenduft. Offenbar wurde das gesamte Budget genau dort ausgegeben.

Und so endet unser Hong‑Kong‑Kapitel vorerst. Heute gehen wir an Bord unseres Kreuzfahrtschiffs und lassen die Stadt hinter uns, Kurs Vietnam. Nach Tagen voller Stufen, Neonlichter und Rolltreppen fühlt sich das plötzlich sehr nach Ferien an. Meer statt Beton, Horizont statt Skyline. Mal schauen, ob es dort WC Bürsteli gibt.

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