Frühstück, 9:30 Uhr, Buffetrestaurant im Hotel. Meine zwei Grossen sitzen an ihrem Tisch, stellen die Becher nach dem Trinken ordentlich hin, essen friedlich ihre Cornflakes und wischen sich Hände und Mund selbstständig ab. Der Vater am Nebentisch schaut ganz fasziniert zu uns rüber und fragt: «Wie händer das gschafft?»
Ich öffne den Mund. Schliesse ihn wieder. Überlege kurz, ob ich einfach geheimnisvoll nicken und das Kompliment annehmen soll wie eine erwachsene Frau, die weiss was sie tut. Ich tue es natürlich nicht.
Stattdessen erzähle ich ihm, dass unsere Kinder die ersten drei Tage im Restaurant so wild waren, dass ich aktiv vermieden habe, andere Gäste anzuschauen. Wir sind zu Hause nämlich nie Restaurantmenschen gewesen, aus reinen Überlebensgründen haben wir das einfach nie gemacht, was bedeutet: Die Kinder hatten keine Ahnung wie das geht. Auf das Essen warten? Auf keinen Fall. Becher anständig hinstellen? Philosophische Frage. Auf dem Stuhl sitzen bleiben? Verhandlungssache.
Das Hotel hat keine Küche, also gab es keine Wahl. Täglich Buffet, tägliches Übungsfeld und ich mit meinem inneren Mantra: «wir lernen gerade, wir lernen gerade, das ist Lernen.» Und dann, irgendwo zwischen Tag drei und Tag sieben, ist etwas passiert. Sie haben es einfach… gelernt. Plötzlich konnten sie warten bis alle sitzen, sich selbstständig am Buffet bedienen ohne dabei die Cornflakeschüssel umzukippen, mit Serviette essen statt mit Lätzchen, und das Besteck mehr oder weniger korrekt halten. Ich stand daneben und hatte das Gefühl, jemand anderem beim Erziehen zuzuschauen.

Was mich im Nachhinein am meisten beschäftigt: Wir hätten das schon vor zwei Jahren machen können. Wir haben es nicht gemacht, weil wir dachten, es sei zu stressig, zu früh, zu viel. Dabei hätten sie es längst gekonnt. Man muss es ihnen einfach zutrauen, und dann, das ist der unangenehme Teil, auch sich selbst das Chaos zumuten bis es kein Chaos mehr ist.
Thailand macht das übrigens leichter als die Schweiz. Hier werden Kinder im Restaurant nicht bloss toleriert wie ein notwendiges Übel, sie sind explizit erwünscht. High Fives vom Personal beim Reinkommen, Hochstühle die tatsächlich Hochstühle sind (mein Mann möchte damit in der Schweiz ein Business eröffnen), und die Mitarbeitenden reden direkt mit den Kindern, fragen wie ihr Tag war und setzen ihnen die Servietten als Krone gefaltet auf den Kopf. Meine Grossen können inzwischen «Thank you», «You’re welcome» und «Hello» auf Englisch, weil das Personal täglich mit ihnen übt, ganz ohne dass ich je das Wort «üben» in den Mund nehmen musste. Das nenne ich effiziente Delegation.
Zu Hause stapeln sich inzwischen die Artikel über Restaurants, die Kinderverbote einführen. Ich verstehe die Erschöpfung dahinter wirklich. Aber wenn Kinder nie die Möglichkeit bekommen zu üben, werden sie es auch nie lernen, und dann sitzt irgendwann jemand am Nebentisch und fragt einen Vater, wie er das bloss hingekriegt hat, und der muss zugeben, dass es drei Tage Chaos gebraucht hat.
Zur Erholung vom Chaos: Schildkröten. Die schreien wenigstens nicht
Das Schildkröten-Sanctuary der thailändischen Marine haben wir besucht, weil Schildkröten einfach etwas sind, bei dem selbst gestresste Eltern kurz durchatmen. Die Becken sind zweckmässig, kein Zoo, keine Showeinlage, die Tiere werden gepflegt und dann wieder ins Meer entlassen. Die Marine sammelt auch Eier ein, lässt sie geschützt schlüpfen und gibt den Jungtieren damit eine Chance auf Überleben, die draussen im Meer gerade nicht selbstverständlich ist. Das geht auf die Initiative der Königin-Grossmutter zurück, was ich für einen sehr würdevollen Lebensinhalt halte.

Das Elefanten-Sanctuary war komplizierter in der Entscheidung. Wir wollten ursprünglich gar keins besuchen, weil rund um Elefantentourismus in Thailand so vieles passiert, das man nicht gut heissen kann, und weil ich meinen Kindern nicht beibringen möchte, dass man Wildtiere wie Kuscheltiere behandelt. Das Sanctuary in unserer Nähe schien aber tatsächlich zu funktionieren: Tiere werden aus Zirkussen und Holzfäller-Einsätzen freigekauft, kein Reiten, kein Anfassen, keine Vorführung. Wir haben ihnen zugeschaut und sie mit Mini-Bananen gefüttert, das war es.

Unsere Grosse stand vor einem Tier, das locker dreimal so gross ist wie unser Badezimmer, und hatte null Angst. Ich stand daneben und habe innerlich kurz geschluckt. Ich bin mir nicht sicher, wer von uns beiden in dieser Situation die Erwachsene war. Nach so viel Natur, Tierschutz und persönlicher Charakterentwicklung am Buffet war dann auch mal gut für einen Tag. Schliesslich mache ich ja nicht nur Ferien, ich bin ein Digital Nomad (😏)!
Business is Calling: Erstes Telefonat aus Thailand
Das WLAN auf dem Hotelgelände war schneller als unser Internet zu Hause in der Schweiz, ich sage das ohne jede Ironie und mit einem leichten Gefühl der Beschämung für unseren Internet Provider. Remote Working aus Thailand war in jeder Hinsicht unspektakulär, was exakt das ist, was man sich wünscht.

Mittlerweile geniessen wir die letzten paar Tage hier, und ja, wir haben uns daran gewöhnt. An die Wärme, ans Tempo und daran, dass das Personal unsere Kinder mit High Fives begrüsst. In drei Tagen geht es weiter nach Hongkong, und ich weiss noch nicht, was uns dort erwartet. Eine Grossstadt, drei Kinder, höchstwahrscheinlich deutlich weniger High Fives. Aber vielleicht lerne ich dort auch wieder etwas, mit dem ich vor drei Wochen nicht gerechnet hätte. Das wäre immerhin schon Tradition für die Jebels.

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