Gestern kam meine Tochter heim und erzählte beiläufig, dass sie im Kindergarten nicht pfeifen dürfe. Ich fragte sie, warum.

«Ich weiss nicht. Ich habe mich nicht getraut zu fragen.»

Bähm. Das musste ich erst mal sortieren. Sie geht seit zwei Wochen in den Kindergarten, und mein Kind, das alles hinterfragt, seit es sprechen kann, braucht plötzlich Mut für eine Frage.

Kurzer Einschub für die werte Leserschaft: Meine Tochter pfeift. Nicht gelegentlich, sondern oft, sehr laut und in den unmöglichsten Situationen. Ich sage ihr selber ungefähr zwanzig Mal am Tag, sie solle bitte kurz aufhören. Dass das im Kindergarten nervt, kann ich mir also problemlos vorstellen.

Es geht auch gar nicht ums Pfeifen. Sie hat nicht gelernt, dass Pfeifen stört. Sie hat gelernt, dass man nicht fragt, warum.

Morgen wird sie fünf. Seit zwei Wochen sind wir offiziell eine Familie mit einem Chindsgi-Chind und damit nach 22 Jahren Pause wieder Teil des Schulsystems. Turnsäckli, Znünitäschli, Elternabend, alles wieder da und erstaunlich unverändert, einfach jetzt aus der Elternperspektive. Und dann merkst du, dass da einiges wieder hochkommt, was du längst abgelegt geglaubt hast.

Ich mag beispielsweise keine Regeln, die einfach da sind, weil sie schon immer da waren. Und ich mag keine Autorität, die sich darauf beruft, Autorität zu sein. Das ist ziemlich sicher mein eigenes Schulzeug, das da hochkommt, und genau darum bin ich vorsichtig damit. Ich möchte meiner Tochter nicht meine alten Baustellen vererben. Was ich ihr aber weitergeben möchte, ist die Überzeugung, dass eine Regel zwei Teile hat. Sie soll eingehalten werden, ja. Aber sie soll auch verstanden werden.

Und das geht weit über den Kindergarten hinaus, weil sich gerade verschiebt, was Kinder überhaupt können müssen.

Als ich zur Schule ging, lernten wir Fähigkeiten, von denen klar war, dass wir sie später selber brauchen würden. Textverständnis, damit man einen Vertrag lesen kann, ohne aus Versehen ein Abo zu unterschreiben. Aufsätze, damit man eine Reklamation formulieren kann, die auch beantwortet wird. Dreisatz, damit man das Rezept für vier auf sechs Personen hochrechnen kann. Und über allem der Satz, den ich nie vergessen werde: «Ihr müsst das können, ihr habt ja nicht immer einen Taschenrechner dabei.»

Meine Tochter wächst als erste Generation komplett mit einer Technologie auf, die genau das alles kann. Texte zusammenfassen, vereinfachen, ausrechnen, formulieren. Sie stellt ChatGPT Fragen, wir generieren zusammen komplett hirnrissige Bilder, und die Einladungen für ihren Geburi haben wir gemeinsam gebaut. Für sie ist das so normal wie für mich früher der Kassettenrekorder.

Was in der Schule davon noch übrig bleibt, weiss ich ehrlich gesagt nicht, weil wir erst im Kindergarten sind und ich mich mit Prognosen zurückhalte. Aber eine Sache kann ChatGPT meiner Tochter nicht abnehmen: zu entscheiden, wann sie einer Antwort trauen kann und wann sie weiterfragen muss.

ChatGPT erzählt nicht immer die Wahrheit. Es erzählt sie mit derselben freundlichen Sicherheit, mit der es Unsinn erzählt, und der einzige Schutz dagegen ist ein Mensch, der zurückfragt. Meine Tochter kann das. Warum wird es bei einer Sonnenfinsternis dunkel? Warum muss man die Zähne putzen, wenn sie sowieso wieder ausfallen? Warum stimmt das, was du sagst? Und genau diese Frage, in ihrer allerkleinsten Form, hat sie im Kindergarten nicht gestellt.

Jetzt bin ich von einem Pfeifverbot zur Zukunft der Menschheit gekommen, und das ist selbst mir zu viel für zwei Wochen Kindergarten. Meine einzige Quelle ist schliesslich eine Vierjährige, die morgen fünf wird. Gut möglich, dass die Begründung mitgeliefert wurde und irgendwo zwischen Znüni und Turnsäckli verloren ging.

Und ja, ich habe die Chindsgi-Lehrperson auch nicht gefragt, man will es ja nicht übertreiben. Vielleicht gibt es einen wunderbaren Grund. Vielleicht auch nur den, dass es nervt, und dann ist das ebenfalls eine Antwort, mit der man arbeiten kann. Es geht mir nicht um diese Banalität, sondern darum, dass sie für eine simple Frage Mut gebraucht hätte.

Morgen wird meine Tochter fünf. Ich wünsche ihr, dass sie weiter fragt. Und mir wünsche ich die Geduld, ihr jedes Mal zu antworten.

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